esther banz buerobanz
 
Kolumne: Anne allein


Eine Freundin schreibt mir aus der Bretagne. Nein, sie ist nicht im Urlaub, sie lebt dort. Anne wurde vor einigen Monaten Mutter, seither hat sie ihr Arbeitspensum drastisch reduziert. Sie ist bewusst alleinerziehend, das heisst sie wollte ein Kind, aber keinen Mann. Immer mal wieder kriege ich ein Email von ihr, mit Bildern von Zélie, ihrer Baby-Tochter. Ich besuchte Anne letztes Jahr, als sie noch schwanger war. Wir hatten uns in Indien kennen gelernt, in einem Nachtzug. Beide auf den obersten Liegen des Abteils kauernd. Anne grinste zu mir rüber. Wir wurden also Freundinnen. Das heisst: wir teilten uns die nächsten Tage das Bett, zuerst in einer schäbigen Pension, dann in einer sandigen Bambushütte direkt am Meer. Ich quietschte wie ein empörter Junge, wenn Anne von ihren Männereskapaden erzählte. Das waren schöne Tage, so muss es sich für Mädchen anfühlen, die «fickt euch alle!» schreiend aus ihrem Dorf rennen, nur eine kleine Tasche geschultert. Wir waren also stressfrei, überhaupt frei. Ausser, dass sich Anne eben ein Kind wünschte und ich mir einen Plan für nachher. Anne hat jetzt ihr Baby. Gerade wollte ich auf ihr letztes Email antworten. Ich schaute mir das angehängte Foto von Zélie an und las nochmal die Zeilen. Es sei schön und gleichzeitig beelendend, schrieb Anne, wegen der Einsamkeit. Sie lebt in einem urchigen Haus hinter vielen wilden Büschen, ihre Freunde erreicht sie nur mit dem Auto in weniger als einer Stunde, nachts ist es in ihrem Garten so dunkel wie in einer Pralinenschachtel. Annes Tage sind durchsichtig, mit feinen Linien, auf denen Worte wie «aufstehen, wickeln, die Brust geben, spazieren gehen, einkaufen, telefonieren» stehen. Manchmal weiss sie nicht, was sie jetzt ist. Sie tippt auf eher erfüllt und also glücklich, und doch fühlt sie sich einsam. Sie will mal wieder hören, wie die Gläser klirren, die Scheiben zittern, und sie will Männer spüren. Ich beschliesse, ihr zu erzählen, wie der Alltag in der Stadt rumpelt. Rumpeldidumpel und schon ist wieder ein Tag um, eine Woche, ein ganzer Monat. Es ist soviel passiert, nur was? Hier ist die Nacht auch dunkel, aber es ist ein Milchschokoladenschwarz, mit Licht von Strassenlampen, Sparlampen, Fernsehern, Leuchtreklamen und Autos. Vielleicht fühlt man sich weniger einsam, wenn Freunde und Bekannte in der Nachbarschaft wohnen. Dafür ist man von Tausenden von Menschen umgeben – alle  kluger, schöner, erfolgreicher. Heute hat man bereits vergessen, was vorgestern war. Nein, das ist kein Trost, jedenfalls nicht gegen die Einsamkeit. Also noch diese intime Information: Vor dem Zubettgehen muss man sich als Städterin eine Plastikschiene über die obere Zahnreihe stülpen, weil der Zahnarzt meint, man würde im Schlaf malmen, «das hätten Stadtmenschen so an sich», sagt er. Und so würde auch ich ohne Plastikschiene in wenigen Jahren keine Zähne mehr haben. Vielleicht gehen Anne und ich wieder mal auf Reisen. Wir werden zu Viert (sie mit Baby, ich mit Plastikschiene) ein schäbiges Bett teilen und uns gegenseitig auslachen. Vielleicht werden wir aber auch über andere lachen. Frauen habens zwar angeblich nicht so mit dem Humor, aber lustigerweise sind es immer Männer, die das sagen.

Esther Banz ist Journalistin in Zürich wollte eigentlich über Sarkozy schreiben, aber Anne s Einsamkeit beschäftigte sie grad ein bisschen mehr.

(WOZ/6. März 2008)