Categories: Kultur
      Date: Feb 17, 2002
     Title: Der «Kulturauftrag» - viel zitiert, kaum definiert
Anspruchsvolle Popkultur findet im Radio nicht mehr statt. Ignoriert DRS 3 den Kulturauftrag? Gibt es den überhaupt? Und was kann die anstehende Gesetzesrevision punkto Kultur im Radio und Fernsehen bewirken? Von Esther Banz (WOZ / 17.02.2002)

Noch in diesem Monat will der Bundesrat seine Botschaft zum neuen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) veröffentlichen. Möglicherweise wird das Papier schon in der Frühlingssession 2003 im Parlament behandelt. Dominierten bislang die Themen Gebührensplitting und Werbung, ist jetzt ein drittes hochaktuell: der vorgesehene unabhängige Beirat, der die Leistungen von Radio und Fernsehen DRS hinsichtlich Service public und damit auch des Kulturauftrags kritisch beobachten und kommentieren soll. Zum Beispiel die Leistungen von DRS 3: Bereits mit der Reform des Tagesprogramms (1999; musikalische Anpassung an den Mainstream und damit an die Lokalradios) wurden Proteste aus jenen HörerInnenkreisen laut, die das einzige qualitativ hoch stehende Popkultur-Radio nicht einfach dem Quotendiktat überlassen wollten. Noch lauter wurde der Protest in diesem Jahr, als auch das Abendprogramm von DRS 3 eine Straffung erlebte, bei genau jenen Sendungen, mit denen die DRS-3-Leitung bis anhin vorgab, den Kulturauftrag zu erfüllen. Dies behauptet DRS 3 nach wie vor zu tun, allerdings argumentiert das Service-public-Unternehmen nicht mehr mit der Produktion qualitativ hoch stehender Musikgefässe, sondern mit der stärkeren Gewichtung der Wortsendungen. Aber: Erfüllen Nachrichten und Ratgebersendungen einen Kulturauftrag? Reicht es, wenn Musik als Hintergrundteppich daherkommt? Ist anspruchsvolle Popkultur nicht auch «Kunstkultur»? Und wie soll dieser geplante Beirat einzelne Programme kritisieren, wenn die Differenzen und Unklarheiten bereits beim Begriff «Kulturauftrag» beginnen? Time-out! Wir müssen das Zeitrad erst mal ein wenig zurückdrehen.

Kulturstreit in den Neunzigern

«Die Musiker(innen)-Kooperative Schweiz protestiert scharf gegen den erneut geplanten radikalen Abbau substanzieller Kultursendungen bei Radio DRS», war am 16. 3. 1994 in der NZZ zu lesen. Radio DRS hatte kurz zuvor seine Sparpläne bekannt gegeben, abgeschossen wurden mehrere Wortsendungen auf DRS 2, die MusikerInnen-Kooperative verlangte von Bundesrat, Parlament und Radio eine Besinnung auf «den in der Konzession verankerten Kulturauftrag». Drei Monate später forderte die Konferenz der kantonalen Kulturbeauftragten, die SRG solle ihren Kulturauftrag nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit Taten wahrnehmen. Sie befürchtete eine Vernachlässigung der Filmförderung und proklamierte, Radio und Fernsehen müssten selber Kulturträger sein, also Kultur mitfinanzieren. Und sogar die Unabhängige Beschwerdeinstanz (UBI) war in ihrem Jahresbericht 1993 (in jenem Jahr also, in dem das noch geltende RTVG in Kraft trat) der Meinung, der kulturelle Leistungsauftrag von Radio und Fernsehen werde durch das Einschaltquotendiktat gefährdet. Kurz darauf gingen die Debatten im Ständerat los, mit einem aus Sorge über den «Vormarsch des Trivialen im Fernsehen» verfassten Postulat, das vom Bundesrat einen Bericht bezüglich der Erfüllung des Leistungsauftrages der SRG verlangte. Dann sorgte - ebenfalls im Ständerat - ein unkritischer Bericht des Publikumsrats für heisse Köpfe und einen emotionalen Schlagabtausch in der Öffentlichkeit. Da machte der angegriffene Präsident des Publikumsrats, Hermann Battaglia, darauf aufmerksam, dass der Kulturauftrag zwar in Gesetz und Konzession festgeschrieben sei, er aber keine konkrete Handlungsanleitung sei und der Interpretation bedürfe.

Diese unumstössliche Tatsache wiederum war für die Arbeitsgemeinschaft Suisseculture ein Jahr später Anlass, erstens eine Präzisierung des Leistungsauftrags der SRG, zweitens die Einführung einer Programmquote für schweizerische Kulturproduktionen und drittens die Einsetzung unabhängiger Kulturräte zu verlangen - drei Wünsche, die allesamt bis heute unerfüllt blieben. Und es kommt noch viel schlimmer, trotz all der Anstrengungen in der Vergangenheit.

Bundesrat will «Kunstkultur»

Der Bundesrat nahm 1997 mit seinem Bericht «Kultur in den Medien der SRG» Stellung zu den parlamentarischen Vorstössen der vorangegangenen Jahre. Darin kam die SRG zum Schluss, dass sie ihren Kulturauftrag verantwortungsbewusst erfülle, nebst der umfassenden Information auch mittels finanzieller Leistungen im audiovisuellen Kulturbereich und mit Spartenangeboten in den zweiten Radioprogrammen. Gleichzeitig betonte die SRG die Notwendigkeit, nicht am ZuschauerInnenerfolg vorbeizuproduzieren, sondern ein Programm zu machen, das gute Einschaltquoten garantiere, denn darin sieht sie die Rechtfertigung der Gebühren, die sie als Service-public-Unternehmen bezieht. Der Bundesrat wusste das zu würdigen, wünschte sich aber dennoch, dass a) auch kleinere Zielgruppen bedient würden und b) das einheimische Schaffen - ohne Quotenvorgaben - angemessen unterstützt werde. Gemeint hatte er damit die Kultur im engeren Sinn, die «Kunstkultur». Was die NZZ überraschend scharf kritisierte: «Bedeutet es einen Gewinn, verschiedene Kulturen, die elitäre und die populäre, gegeneinander auszuspielen? Wer will denn genau wissen, was aus welcher Kategorie stammt?»

Auch wenn es die NZZ vielleicht nicht ganz so verstanden haben wollte: Ihre Kritik ist gerade heute, bei der Diskussion um DRS 3, hochaktuell. Hier, wo Popkultur das zentrale Element ist, zeigt sich die Vielfalt ebendieser. Popmusik kann sowohl im Bereich Kunstkultur verortet werden als auch im seichten Mainstream: hier Sperriges, Innovatives, Überraschendes, dort der weich gespülte Sound, der nicht stört und den man problemlos im Büro hören kann, weil man ihn gar nicht wahrnimmt. Und dann gibt es noch eine Menge dazwischen, sprich Popmusik, die innovativ ist und dennoch das Potenzial hat, auch einem Massenpublikum zu gefallen. Selbst diese Musik wird im Tagesprogramm von DRS 3 aber nicht mehr gespielt, und auch die Liste jener mehrheitstauglichen internationalen und nationalen KünstlerInnen, die seit September sogar aus dem Abendprogramm gekippt wurden, ist lang. Das einzigartig umfangreiche Plattenarchiv, darunter auch Originalpressungen von Beatles-Singles, hat DRS 3 verscherbelt. Im Klartext: Popkultur hat aus DRS-3-Sicht keinen historischen Wert.

Bezüglich DRS 3 hat sich der Bundesrat auch in den letzten Wochen wieder Gedanken gemacht, dies aufgrund einer Interpellation von SP-Nationalrat Hans Widmer (siehe WoZ Nr. 38 und 41/02). Moritz Leuenberger antwortete mit leichtem Unbehagen bezüglich des Kulturabbaus im dritten Programm, blieb aber unverbindlich. Dennoch reagierte man bei DRS 3 überraschend heftig und versprach sofort, das Musikprogramm in den nächsten Monaten wieder kantiger zu gestalten (siehe Kasten). Dies, nachdem die Kritiken aus der Öffentlichkeit schon seit Monaten laut, aber ohne Konsequenzen geblieben waren. Mehr noch: Radiodirektor Walter Rüegg ortete gar eine Verschwörung von ihm unbekannten Kreisen.

Kulturauftrag bleibt ominös

So kindlich charmant die trotzige Reaktion des Radiodirektors auch anmutet - sie verdeutlicht die seit langem bestehenden Probleme bezüglich des Kulturauftrags. Solange der Leistungsauftrag der SRG so vage bleibt, wie er ist, kann er in alle Richtungen frei interpretiert werden. Wie unterschiedlich diese Auslegungen tatsächlich sind, hat Heinz Bonfadelli vom Institut für Publizistikwissenschaften Zürich (IPMZ) mit zwei weiteren Autoren im Rahmen einer Studie, die vom «Bundesamt für Kommunikation» (Bakom) mitfinanziert wurde, aufgezeigt. Die Studie, Resultat der Kultur-in-der-SRG-Debatte in den neunziger Jahren, sollte für die unterschiedlichen Interessengruppen eine Grundlage bieten, um künftig unpolemisch über den Kulturauftrag diskutieren zu können und etwas in Bewegung zu setzen. Doch die Studie war der SRG zu kritisch, und Beachtung fand sie auch kaum, wie Bonfadelli rückblickend sagt.

Letzeres ist - trotz oder gerade wegen der Verweigerungshaltung der SRG - erstaunlich, denn die Gegenüberstellung der Interpretation des Kulturauftrags durch den Bundesrat mit derjenigen der SRG birgt einiges an Zündstoff: Während der Bundesrat von einem «engen» Kulturbegriff ausgeht, also von Kultur gleich Kunst (Literatur, Musik, Theater usw.), definiert die SRG den Kulturbegriff viel offener, im Sinne von Soziokultur, also Kultur gleich Alltag. In die Kategorie «Kultur» fallen gemäss SRG-Betrachtung konsequenterweise auch Ratgebersendungen und Sitcoms. Davon abgesehen gilt - gemäss IPMZ-Bericht - für die SRG aber ohnehin jede Radio- und Fernsehsendung per se als Kulturleistung, also auch der seichte Musikteppich auf DRS 3.

Eine wichtige Leistung im Sinne des Service public sind die Wortsendungen auf Radio DRS. Mit ihnen vermögen sich alle drei DRS-Sender nach wie vor deutlich von der privaten Konkurrenz abzuheben. Obwohl sie beim Medium Radio nur das eine Ende des Stricks sind - das andere ist die Musik -, kontert DRS-3-Chef Andreas Schefer jede Kritik am Musikprogramm immer wieder mit dem Ausbau der Informationssendungen. Und folgt damit dem Vorschlag, den die Verfasser der IPMZ-Studie formuliert haben, nämlich die Qualitätskriterien zu betonen. Allerdings bedient sich die DRS-Leitung gerne auch des Arguments guter Einschaltquoten (= Erfolg), wovon selbst die Wissenschaftler abraten. Zu Recht: Die gestiegenen Einschaltquoten hinderten die SVP keineswegs daran, die Abschaffung von DRS 3 zu fordern. Ein weiterer Tipp der Autoren der Studie: Zwecks Überleben auf dem politischen und wirtschaftlichen Markt sind die Bedürfnisse des Publikums konsequent zu erfassen. Dass DRS 3 indes seine Daten konsequent hinsichtlich der Einschaltquoten erfasste und die Bedürfnisse des Musik lieb habenden Publikums ignorierte, führte letztlich zur Rüge vom Bundesrat. Und wird diesen wiederum nur darin bestärken, wie wichtig der im RTVG-Entwurf vorgeschlagene unabhängige Beirat ist.

Totgeburt Kulturbeirat?

Der Wunsch nach einer Qualitätskontrolle des Service public in der Form eines Beirats, wie ihn sich der Bundesrat vorstellt, ist weder neu noch unumstritten. Bereits 1997 sagte der Bundesrat in seinem Kulturbericht, die SRG solle sich mit Kritikern, Politikern und Behörden austauschen und die Ergebnisse in ihrem Jahresbericht veröffentlichen.

In die gleiche Richtung gehen auch die Schlussfolgerungen der IPMZ-Studie: Die Autoren schlagen der SRG vor, jährlich eine Kulturbilanz zu publizieren. Diese «sollte kommunikativ und mittels dialogischer Formen, zum Beispiel in Form von Gesprächen oder Hearings vermittelt werden». Und ein neu zu schaffender unabhängiger Kulturrat könnte - so glauben die Verfasser - die Akzeptanz der Kulturbilanz gegenüber der SRG, dem Bund, den Kulturschaffenden und der kulturell interessierten Öffentlichkeit erhöhen.

Doch der Beirat stösst bereits auf Ablehnung, noch bevor er im Rahmen der RTVG-Revision in den Rat kommt. Verlangten in den neunziger Jahren die ParlamentarierInnen von links bis rechts noch einen Bericht bezüglich der Erfüllung des Kulturauftrags von Radio und Fernsehen, äussern sich in der aktuellen Ausgabe des Magazins «Gazette» des «Schweizer Syndikats Medienschaffender» nicht nur Politiker der FDP und der SVP gegen einen solchen Beirat, sondern auch der SP-Nationalrat Hansjörg Fehr.

Und von einer klareren Definition des Kulturauftrags im RTVG ist derzeit auch nicht die Rede. Hiess es im geltenden Gesetz, «Radio und Fernsehen sollen insgesamt das schweizerische Kulturschaffen fördern und die Zuhörer und Zuschauer zur Teilnahme am kulturellen Leben anregen», steht im Entwurf zum neuen: «Die SRG trägt bei zur kulturellen Entfaltung und zur Stärkung der kulturellen Werte des Landes sowie zur Förderung des schweizerischen Kulturschaffens, namentlich durch die Ausstrahlung eigenproduzierter Sendungen und weiterer Sendungen aus schweizerischer Produktion.» Unklar bleibt, was unter «Kultur» zu verstehen ist. Was eigentlich erstaunlich ist, rekapituliert man die jahrelangen Diskussionen und Forderungen der Kulturschaffenden, die sogar in einer wissenschaftlichen Arbeit mündeten - mit der Schlussfolgerung: «Die Sicherstellung des Kulturauftrags ist (...) keine lästige Pflicht, sondern eine der zentralen und anspruchsvollsten Aufgaben einer Service-public-Institution.» Immerhin: Zum Zeitpunkt, in dem das RTVG in den Räten behandelt wird, muss DRS 3 bereits bewiesen haben, dass seine Versprechen nicht reine Worthülsen waren. Das verlangt den enttäuschten DRS-3-HörerInnen einiges ab. Nämlich dass sie erstens in den nächsten Monaten die Entwicklung des Senders mitverfolgen und zweitens, dass sie lauter denn je protestieren, so sich nichts ändern sollte. Denn wenn im Parlament schon über die Zukunft von Radio und Fernsehen befunden wird, dann darf das Thema Kulturauftrag nicht unter den Tisch fallen. Nicht nach allem, was geschehen ist.

Bald wieder Kultur auf DRS 3?

Die versprochenen Änderungen bezüglich des Musikprogramms als Reaktion auf die Antwort des Bundesrats lassen Hoffnung aufkeimen. Aber nur bedingt. Die Abschaffung von «Sounds» und «Sounds Surprise» beziehungsweise die Straffung der «Specials» - alles Sendegefässe, die von den Musik lieb habenden DRS-3-HörerInnen als wichtige informierende und horizonterweiternde Gefässe geschätzt waren - wird sich kaum rückgängig machen lassen, und die Zeiten, wo ein François Mürner eine Flexidisc von Baby Jail im Morgenprogramm rauf und runter spielen konnte, worauf bei der Band massenhaft Bestellungen eingingen, sind definitiv vorbei. Einheimisches popkulturelles Musikschaffen zu unterstützen, erachtet DRS 3 nicht als seine Aufgabe. Und die finanzielle Unterstützung von Schweizer Musikproduktionen erst recht nicht. Dabei ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig.

SF DRS finanziert seit 1999 dank der Initiative des Filmproduzentenverbandes wieder Fernsehfilme, und im Radiostudio haben Klassik- und Jazzformationen die - rege genutzte - Möglichkeit, sehr günstig Platten aufzunehmen. Für die Pop-Rock-Musik gab es einst ebenfalls konkrete Unterstützung, finanziell auf einem ungleich tieferen Niveau, aber immerhin: Schon als «Sounds» noch auf DRS 2 angesiedelt war, fungierte es als Entdecker junger Undergroundbands, holte sie ins Studio und ermöglichte ihnen gut produzierte Singles. Die «Sounds»-Tradition wurde auf DRS 3 weitergeführt, dank den «Sounds»-Kassetten schaffte es manch innovative Band zu Bekanntheit. Doch damit ist es endgültig vorbei. Weil der Kulturauftrag zwar verlangt, dass die SRG die kulturellen Werte des Landes stärkt und das Kulturschaffen anregt und fördert, Kunstkultur im Bereich der Populärmusik aber nicht als «Kulturschaffen» ernst genommen wird. Heute profitiert die Musikszene in keiner Weise vom Radio. Selbst Bands, welche in Absprache mit DRS 3 extra einen bestimmten, von den RadiomacherInnen ausgewählten Song auskoppeln, laufen auf. So geschehen beispielsweise bei «What It's Worth» von Buffalo Ballet. Und bei «En Aff isch en Aff» von Schtärneföifi, das letztlich wenigstens auf DRS 1 unterkam.